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In Grenchen liegt der «Uhrsprung»

Grenchen Tourismus bietet ab Juli eine neue Stadtführung an. Ist das eine gute Idee? Provokante Fragen mit Augenzwinkern an die Verantwortlichen.

Eterna in Grenchen. Historische Aufnahme. Bild: zvg

25.06.2021

Warum lohnt es sich, auf dem Weg an den Strand am Bielersee auf der A1 vom Gas zu gehen? 

Philipp: Aufgrund der vermehrten Radarkontrollen lohnt es sich nicht allzu sehr, auf dem Gas zu bleiben. Eine kleine Verschnaufpause in Grenchen lohnt sich immer. Kummer: Die Stadt Grenchen hat nicht nur für Autofahrer viel zu bieten. Anreisen kann man auch via die zwei Bahnhöfe, wandernd, mit dem Velo oder via Airport Grenchen mit dem Privatjet oder Helikopter.


«Grenchen ist das pulsierende Epizentrum der Uhrenindustrie, so wie die Unruh im Inneren eines Uhrwerks.»

Jupp Philipp, CEO und Eigentümer Fortis Watches AG


Wer an historischen Stadtführungen interessiert ist, fährt eher nach Solothurn.

Philipp: Solothurn und Grenchen lassen sich nicht vergleichen. In der jüngeren Geschichte, besonders seit der Industrialisierung, spielt Grenchen die grössere Rolle. Siegrist: Die Kinder ächzen, wenn sie schon wieder eine uralte, historische Altstadt besichtigen müssen. Das haben sie schon x-mal gesehen, und die vielen Jahrzahlen kann sich eh niemand merken. Aber die relativ junge Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie am Ort des Geschehens live zu erleben, das ist aufregend und Geschichte zum Anfassen. Man darf nicht vergessen: In den letzten 170 Jahren spielte in Grenchen die industriehistorische Musik.

Inside» Fortis Watches AG. Bild: Fortis
Inside» Fortis Watches AG. Bild: Fortis

Trotzdem: Grenchen gilt als «Arbeiterstadt». Es fehlen die malerischen Sehenswürdigkeiten wie etwa Schlösser.

Philipp: Es sind «Arbeiter», welche die Schlösser gebaut haben ... Kummer: Sehenswürdigkeiten sind immer das Abbild der Geschichte eines Orts. Grenchen ist nicht die Stadt der Schlösser, also kann man auch keine Schlösser herzaubern. Grenchen bietet als Industriestadt aber die Möglichkeit zur Entdeckung der Nachkriegsarchitektur, der verschiedenen Industrieareale sowie gut erhaltener Villen der früheren Uhrenpatrons.

Siegrist: Und wie gesagt. Noch besser als nur sehen ist erleben. Wenn die Besucher bei Fortis im Uhrenatelier einer Uhrmacherin oder einem Uhrmacher über die Schulter blicken können oder von den tollen Weltall-Geschichten rund um Fortis-Uhren hören, dann sind die immer gleichen Gemäuer schnell vergessen.


«Grenchen bietet als Industriestadt die Möglichkeit zur Entdeckung der Nachkriegsarchitektur, der verschiedenen Industrieareale sowie gut erhaltener Villen der früheren Uhrenpatrons.»

Angela Kummer, Vorstandsmitglied Grenchen Tourismus


Eine der ersten Infos zu Grenchen auf Wikipedia lautet: «Die Stadt ist bekannt für ihre Uhrenindustrie. » Eben. Ausser Uhren gab es nie viel anderes.

Philipp: «Nur Uhren» klingt allzu lapidar. Man muss sich schon bewusst sein: Die mechanische Schweizer Uhr ist neben dem Käse und der Schokolade DAS Aushängeschild für die «Marke Schweiz». Grenchen ist das pulsierende Epizentrum der Uhrenindustrie, so wie die Unruh im Inneren eines Uhrwerks. Grenchen hat die Fundamente zu dieser wichtigen Industrie gelegt und ist somit der «Uhrsprung». Siegrist: Eine Uhr entsteht nicht im luftleeren Raum. Es braucht Fabriken, eine Zulieferindustrie, Ateliers, günstiger Wohnraum für Arbeiter, und die Uhrenpatrons liessen sich prächtige Villen bauen. Das alles bildet einen faszinierenden Kosmos. In diesen taucht man bei einem Spaziergang durch die Stadt Grenchen ein.


«Die relativ junge Geschichte der Schweizer Uhrenindustrie am Ort des Geschehens live zu erleben, das ist aufregend und Geschichte zum Anfassen.»

Christoph Siegrist, Präsident Grenchen Tourismus


Die Uhrenindustrie war stets verschwiegen. Das ist auch heute nicht anders.

Philipp: Nun, wir bei Fortis gehen einen neuen Weg der Offenheit und machen Interessierten die Uhrenindustrie zugänglich.

Kummer: Es entspricht einem grossen Bedürfnis, Einblick in diese Welt zu gewinnen und den Uhrmacherinnen und Uhrmachern über die Schulter zu schauen. Darum ist es toll, dass Fortis genau das nun anbietet. So lässt sich das «Herz der Uhr» mit der Fortis Watches AG entdecken.

Siegrist: Unsere Stadtführerinnen und Stadtführer sind alles andere als verschwiegen. Sie kennen viele spannende Geschichten, die man nirgends sonst erfährt. Und pssst ... sie kennen auch ein paar Geheimnisse rund um die Uhrenindustrie.

Wäre bei so viel historischer Substanz nicht längst ein Uhrenmuseum fällig?

Philipp: Da pflichte ich bei. Aber eine Ausstellung im traditionellen Sinn wird niemanden interessieren. Ein Museumsbesuch muss ein Erlebnis sein, wie zum Beispiel im Verkehrsmuseum in Luzern. Grenchen macht die Welt der Uhren nun auf ihre Weise zugänglich.

Kummer: Es gibt in Grenchen nicht DAS Uhrenmuseum – es gibt sogar mehrere! Es gibt die Sammlung spezieller Uhren in der Uhrmacherschule Zeit Zentrum. Die meisten Uhrenfirmen haben zudem ihre eigenen Sammlungen, die sie aber höchstens auserwählten Kunden zeigen. Die sollte man in geeigneter Form auch der Öffentlichkeit zugänglich machen. Ausserdem widmet sich das Kultur-Historische Museum in Grenchen der Geschichte der Industrialisierung sowie der Frage, wie die Uhrenindustrie das Leben der Menschen in der Region beeinflusst hat. Das Museum hat seine Ausstellungen speziell auf Familien und Schulklassen ausgelegt, sind deshalb besonders anschaulich und zugänglich. Tiziana Ossola

Die Interviewten

Angela Kummer, Historikerin und Vorstandsmitglied bei Grenchen Tourismus, entwickelt und führt seit rund 15 Jahren Stadtführungen in Grenchen durch. Sie ist Leiterin Kulturgüterschutz beim Kanton Solothurn.

Christoph Siegrist ist Informatiker und Präsident von Grenchen Tourismus. Er trägt nie eine Armbanduhr. Trotzdem ist er von der Geschichte der Uhren und der Uhrenindustrie begeistert.

Jupp Philipp: CEO und Eigentümer der Fortis Watches AG. Seit Philipp die Fortis übernommen hat, verbringt er mehr Stunden in Grenchen als in seinem eigentlichen Wohnort Walzenhausen AR. Sein Ziel, die Fortis wieder gross zu machen, soll auch die Stadt Grenchen aufwerten. (to)

Das tönt spannend

Interessierte können die neue Stadtführung «Uhrenwelt Grenchen » ab sofort unter www.grenchentourismus.ch buchen.

Die Führungen umfassen unterschiedliche Module. Für jede Gruppe ist somit das Passende dabei:

Package Small

«Uhrenmanufaktur Grenchen»: Einblick in die Uhrenmanufaktur Fortis 60 Min. Optional: Mit anschliessendem Mittag- oder Abendessen im Restaurant Parktheater (spezielles «Uhrenmenü»)

Package Medium

«Zeitgefühl Grenchen»: 30 Min. Führung durchs Kultur-Historische Museum, Transfer, 60 Min. Einblick in die Uhrenmanufaktur Fortis, anschliessend Mittag- oder Abendessen im Restaurant Parktheater (spezielles «Uhrenmenü»)

Package Large

«Uhrenwelt Grenchen»: 45 Min. Führung durchs Kultur-Historische Museum, 45 Min. Stadtrundgang mit Infos zu anderen Uhrenfirmen, 60 Min. Einblick in die Uhrenmanufaktur Fortis, anschliessend Mittag- oder Abendessen im Restaurant Parktheater (spezielles «Uhrenmenü»)

Gruppengrösse: 10–15 Personen