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Plötzlich ist es mehr als Imagepflege 

Technologie: Textilrecycling war die letzten Jahre nicht viel mehr als Imagepflege der Modehäuser. Nur etwa 1 Prozent der Kleidung wurde recycelt. Dies könnte sich jetzt ändern. Eine Schweizer Firma ist bei der Revolution direkt involviert.

Gemäss Fashion Revolution kaufen sich Schweizerinnen und Schweizer durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke pro Jahr. Bild: Getty

1.05.2022

Herr und Frau Schweizer haben gemäss der internationalen Bewegung Fashion Revolution im Schnitt 118 Kleidungsstücke im Schrank. Dies allein wäre noch kein Problem. Allerdings kommen jedes Jahr 60 neue Stücke hinzu, und diese werden oft nie getragen, bevor sie weggeschmissen werden. Gemäss der Organisation Fashion Revolution, die auch vom Bund unterstützt wird, tragen die Schweizerinnen und Schweizer 40 Prozent ihrer Kleidung nie oder maximal viermal. Natürlich ist das Kaufverhalten in der Schweiz nicht aussergewöhnlich. In den letzten Jahren hat die Kleiderproduktion weltweit stark zugenommen. Schätzungsweise wurden im Jahr 2012 weltweit 80 Milliarden Kleidungsstücke hergestellt, heute sind es bereits 150 Milliarden. Allein in Amerika werden jedes Jahr rund 14 Millionen Tonnen Kleidungsstücke weggeworfen. Das sind über 36 Kilogramm pro Person. Die Schweizerinnen und Schweizer sind deutlich umweltbewusster, schaffen es aber ebenfalls auf durchschnittlich 6,3 Kilogramm pro Jahr.

24 Millionen T-Shirts

In einer Testanlage in Winterthur wurde die chemische Lösung konkretisiert. Bild: zvg
In einer Testanlage in Winterthur wurde die chemische Lösung konkretisiert. Bild: zvg

H & M allein produziert pro Jahr rund 3 Milliarden Kleidungsstücke. Während sich bei anderen Textilunternehmen in Sachen Nachhaltigkeit noch nicht viel getan hat, gibt sich H & M als das nachhaltige Modehaus schlechthin. Tatsächlich hat H & M im Jahr 2020 weltweit 18 800 Tonnen Kleider und Textilien gesammelt – dies entspricht rund 24 Millionen T-Shirts. Zudem hat sich der schwedische Konzern zum Ziel gesetzt, bis 2030 in den Kollektionen seiner Marken nur noch recycelte oder nachhaltige Materialien zu verwenden – bis 2040 soll das Unternehmen gar klimapositiv sein.


Trennung von Fasern gelingt erstmals


Reine Baumwolle konnte bereits die letzten Jahre relativ einfach recycelt werden: In einem industriellen Verfahren wird das Gewebe wieder in einzelne Fasern zerlegt und zu neuem Garn gesponnen. Das Problem ist allerdings: Nur noch die wenigsten tragen heute reine Baumwolle. Die grosse Mehrheit an Kleidern besteht aus Baumwoll- und Polyesterfasern – diese zu trennen, war bisher nicht möglich. Die britische Firma Worn Again Technologies hat sich zum Ziel gesetzt, dies zu ändern, und hat mit H & M sowie Sulzer zwei starke Partner mit an Bord. Sulzer Chemtech hat 2017 erstmals in das britische Unternehmen investiert, seit 2020 stellt die Schweizer Firma mit Torsten Wintergerste, dem Divisionsleiter von Sulzer Chemtech, den Verwaltungsratspräsidenten von Worn Again Technologies. Sulzer brachte mit seiner Erfahrung im Bereich der Trenn-, Misch- und Polymerisationstechnologie das nötige Knowhow mit, um die chemische Lösung für die Textiltrennung zu finden. «Etablierte mechanische Prozesse sind nicht in der Lage, verschiedene Fasertypen wie beispielsweise Polyester und Baumwolle zu trennen. Worn-Again-Prozess ermöglicht nicht nur dies, sondern kann zusätzlich unerwünschte Bestandteile wie Farbstoffe oder Fremdpolymere aus den Textilien extrahieren», erklärt Dorota Zoldosova von der Kommunikation der Sulzer Chemtech.


«Meistens liegen die Unterschiede, ob es im Endeffekt nachhaltig ist oder nicht, in kleinen Details der Prozesse.»

Doris Abt
Fashion Revolution Switzerland


In einem ersten Schritt, der Trennung, wird das PET-Material, eine Polyesterart, unter Einsatz von Lösungsmitteln aufgelöst, und Farbstoffe, Katalysatoren und sonstige organische Zusatzstoffe werden entfernt. Die nicht löslichen Zusatzstoffe werden als feines Pulver abgeschieden und ausgefiltert. Daraus ergeben sich zwei Produkte: Chips aus reinem PET-Harz und ein Zellulosezellstoff, der wieder zu einer Zellulosefaser verwoben werden kann. Sowohl das neuwertige PET wie auch die Zellulose können zur Herstellung neuer Kleidungsstücke verwendet werden.

Ist nicht die Lösung aller Probleme

In Anbetracht dessen, dass der Anbau von Baumwolle für 10 bis 20 Prozent des weltweiten Pestizideinsatzes verantwortlich ist und für die Herstellung Unmengen an Wasser benötigt werden, könnte die Wiederverwendung der Stoffe einen Durchbruch für die Textilindustrie in Sachen Nachhaltigkeit bedeuten. «Meistens liegen die Unterschiede, ob es im Endeffekt nachhaltig ist oder nicht, in kleinen Details der Prozesse», sagt Doris Abt von Fashion Revolution Switzerland zum neuen Verfahren. «Dies alleine wird natürlich nicht die Lösung aller Fast-Fashion-Probleme sein. Doch grosse Unternehmen haben aber einen nicht unerheblichen Einfluss und die Mittel, die Forschung in diesem Bereich zu fördern.»

Der zugrunde liegende Prozess wurde von Worn Again Technologies im kleinen Massstab entwickelt und zusammen mit Sulzer Chemtech konkretisiert und skaliert. «Das wird uns in naher Zukunft den Bau einer Demonstrationsanlage erlauben», freut sich Dorota Zoldosova.

Noch werden bei Worn Again relativ kleine Mengen an Kleidern recycelt. In der Demonstrationsanlage sollen aber schon bald jährlich 1000 Tonnen Kleider recycelt werden. Wo diese Anlage stehen wird, soll gemäss Dorota Zoldosova in naher Zukunft bekannt werden. Marcel Habegger