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Zeit für AufKLÄRung

Warnung: Folgender Artikel könnte im Kopf verstörende Bilder produzieren und ist nicht für sensible Menschen. Es droht die Gefahr langfristiger Selbstreflexion und Verhaltensänderungen.

Der Blick in das Grauen: Martin Jaeggi gibt das Innere des Stufenrechens preis. Bilder: dom

7.11.2021

Was haben WC-Papier, Opas Gebiss, der Damenstrumpf, das Handy und die Kartoffel gemeinsam? Sie alle landen im Rechen der Kläranlage ARA in Zuchwil, die die Abwässer von insgesamt 40 Gemeinden klärt. Der Rechen bildet eine wichtige Reinigungsstufe am Anfang des Klärprozesses und hält grobe Inhaltsstoffe zurück. Im besten Fall sollten das sein: trockenes und feuchtes WC Papier. Im schlimmsten Fall – und das ist täglich der Fall – gleicht der Rechen einem Panoptikum aus verschiedenen zum Teil schon genannten Alltagsgegenständen. Bei unserem Besuch in Zuchwil durften wir ein Blick auf diese Kuriositätenshow werfen. Ein paar der eindrücklichsten – nicht seltenen – Ausstellungsstücke haben die Mitarbeiter schön angeordnet in eine Vitrine neben den Rechen gehängt. «Unser kleines Museum», wie Betriebsleiter Martin Jaeggi ironisch bemerkt, während er uns zusammen mit Geschäftsführer Markus Juchli durch Teile der Anlage führt. Sarkasmus trifft auf Aufklärung. Nach dem Sieben geht die ganze Sammlung zum Waschen und dann zum Pressen. Gepresst kommen Opas Gebiss, Papas Handy und Mamas Damenstrumpf dann in die Verbrennungsanlage der Kabag auf dem gleichen Gelände. «Sie kämen sowieso in die Verbrennungsanlage», so Martin Jaeggi, «aber der Weg ist der falsche. Die Sachen sollten im Hausmüll landen und damit entsorgt werden.» Beim Hausmüll wird auch offensichtlich, was und wie viel man verbraucht. Das führt zu viel Aufschrei, wenn der Müll mal liegen bleibt oder nach einem Sturm verteilt rumliegt. «Beim Abwasser ist das anders», so Geschäftsführer Markus Juchli. «Die Klärung ist ein nicht sichtbarer Prozess, und daher wird dem Thema auch wenig Beachtung geschenkt.» Und das schlechte Gewissen mit der Ausschussware runtergespült. Aus den Augen, aus dem Sinn. Ich muss an ein Café in Bern denken, bei dem der Boden im WC aus dickem Glas besteht und man nicht nur seinen eigenen «Ausschuss» sieht, sondern auch das, was in der Kanalisation von Mittätern runtergespült wird.

Mehr Spiessigkeit gewünscht

Schon weil ich eine Dame bin, spüre ich seitens der uns begleitenden Männer Jaeggi und Juchli ein wenig Misstrauen, wenn es um entsorgte Hygieneartikel geht. Das ist der täglichen Konfrontation geschuldet und man kann es ihnen nicht verdenken. «Damen sind aufgrund der Hygieneartikel für einen grossen Teil der Fremdkörper im Rechen verantwortlich», so Martin Jaeggi. «Viele werfen – oft unwissentlich – immer noch Tampons und selbst Slipeinlagen ins WC. Und auch zahlreiche Babytücher landen im Rechen, obwohl auf der Verpackung explizit darauf hingewiesen wird, sie nicht im WC zu entsorgen, da sie sich nicht auflösen.» Das Gruselkabinett vervollständigen Wattestäbchen, Kondome, Zigaretten sowie Speisereste wie Kartoffeln, Ketchup- oder Ölreste. Das nähere Betrachten des Rechens ist zwar gruselig, stinkt aber nicht. Und wenigstens sieht das Auge, was nicht ins Wasser gehört. Anders ist es bei Mikroplastik oder Mikroverunreinigungen: Medikamentenrückstände, Pestizide, Kosmetika und sonstige chemische Stoffe werden quasi unsichtbar und von allen Seiten ins Abwasser gespült. Sie sind jedoch in Gewässern wie Flüssen nachweisbar und ein hohes Risiko für die Umwelt. Der Zweckverband der Abwasserregion Solothurn-Emme (Zase) plant daher in den nächsten Jahren eine vierte Reinigungsstufe. Doch je nach Klärmethode kommt bei dieser zusätzlichen Reinigungsstufe Ozon zum Einsatz. Ein Gas, das unter hohem Energieaufwand hergestellt werden muss. Zudem kann bei einer Ozonung des Abwassers krebserregendes Bromat entstehen. Das möchte wohl keiner haben. Das Beste wäre also, der ganze unnötige Mist würde erst gar nicht ins Abwasser gelangen. Hier sind gleichermassen Einwohner, Industrie und Politik gefragt. Und die Schulen, wo die Kinder und Jugendliche neben Schulstoff auch verantwortungsvolles Verhalten gegenüber der Umwelt lernen sollten. «Die Schüler müssten viel mehr sensibilisiert werden», so Markus Juchli. «Leider sind es nur wenige Lehrer, die uns besuchen, obwohl das Thema «Wasserkreislauf» auf jedem Lehrplan obligatorisch ist. «Und live ja auch besser veranschaulicht werden kann. Tatsächlich passiert in Sachen Umweltbildung und Aufklärung auch in der Schule noch zu wenig. Wie wär’s also damit: Spielen wir doch öfter mal «Handy, Strumpf, Papier» – und lassen immer das Papier gewinnen. Dominique Simonnot